Große Meetings, dicke Reports, endlose Abstimmungen – und dennoch bleibt das Gefühl, dass nichts wirklich vorangeht. Wenn Arbeit sichtbar ist, aber keinen echten Unterschied macht, sprechen wir von Fake Work. Sie bindet Zeit, Geld und Fokus, während die wirklich wichtigen Aufgaben liegen bleiben.
Viele Unternehmen sind in einem Automatismus aus Routinen, Statusabfragen und Dokumentationspflichten gefangen. Besonders in unsicheren Zeiten wächst der Drang, sich durch Aktivität abzusichern – selbst wenn diese keinen Wert schafft. Genau hier beginnt Fake Work.
Das Problem ist messbar: Eine Deloitte-Erhebung unter 13.000 Führungskräften in 93 Ländern zeigt, dass rund 41 Prozent der täglichen Arbeitszeit in nicht wertschöpfende Tätigkeiten fließen1. Parallel sagen 68 Prozent der Beschäftigten, dass sie keine Zeit für ihre wirklich wichtigen Aufgaben haben – ein Alarmsignal für Produktivität und Motivation2.
Was ist Fake Work – und warum ist sie so gefährlich?
Fake Work ist Arbeit, die zwar das System bedient, aber keinen Wert für Kunden, Ergebnis oder Strategie schafft. Sie entsteht, wenn Kennzahlen, Kontrollmechanismen oder Gewohnheiten über Zweck und Wirkung gestellt werden. Das Verhängnis: Sie sieht oft nach Leistung aus. Sie füllt Kalender, erzeugt Dokumente und beruhigt das Management – nur eben ohne echten Nutzen.
Gefährlich ist Fake Work, weil sie Opportunitätskosten verursacht. Wenn Teams Stunden damit verbringen, Unterlagen Gender neutral zu übersetzen oder zu lange überlegen dann verpufft diese Zeit. Jede Stunde, die in nutzlose Abstimmungen, redundante Reports oder Präsentationskosmetik fließt, fehlt bei Produktentwicklung, Kundennutzen, Vertrieb oder Prozessverbesserung. In einer Zeit knapper Budgets und harter Wettbewerbsdynamik kann das zur echten Standortfrage werden.
Fake Work: Vertrauensmangel als Treiber
Unsicherheit und fehlendes Vertrauen sind Nährboden für Fake Work. Wenn Vorgesetzte jedes Detail abfragen, Anwesenheit mit Leistung verwechseln und Statusupdates wichtiger sind als Ergebnisse, weichen Mitarbeitende auf sichtbare, aber folgenlose Tätigkeiten aus. Eine Visier-Umfrage zeigt: Ein Drittel der Befragten priorisiert die Arbeit, die am sichtbarsten ist – unabhängig von ihrem Wert fürs Unternehmen3.
In Zeiten von Kostenprogrammen und Personalabbau traut sich kaum jemand, liebgewonnene Rituale infrage zu stellen oder die eigenen Aufgaben zu verschlanken. Denn wer weniger tut, steht schnell unter Verdacht. So entsteht die paradoxe Schleife: Mehr Kontrolle erzeugt mehr Showarbeit – und noch mehr Kontrolle.
Fake Work im Alltag: Zwei typische Beispiele
Beispiel 1: Die 80-seitige Präsentation, an der fünf Personen eine Woche gearbeitet haben. Im Management-Call schaffen es nur die letzten zwei Seiten auf den Bildschirm, die Entscheidung fällt ohnehin auf Basis von drei Zahlen. Ergebnis: Viele Stunden polierte Darstellung, aber keine zusätzliche Erkenntnis.
Beispiel 2: Das wöchentliche Status-Meeting, 60 Minuten, 12 Teilnehmer. Updates werden nacheinander verlesen, es entstehen keine Entscheidungen, keine Blocker werden gelöst. Der gleiche Zweck ließe sich mit einer kurzen, strukturierten E-Mail oder einem asynchronen Update-Board erreichen – ohne Reisekosten, ohne Kalenderstress.
KI als Turbo – für Wertschöpfung oder für Fake Work?
Mit generativer KI können Sie heute in Minuten produzieren, wofür früher Stunden nötig waren. Das ist Chance und Risiko zugleich. Ohne klaren Zweck entstehen nun nicht nur überlange Memos, sondern ganze Serien davon – schneller, schöner, aber immer noch nutzlos. KI verstärkt, was da ist: Mit gutem Prompting und klaren Zielen beschleunigt sie Wertschöpfung, mit unklaren Zielen beschleunigt sie Fake Work.
Die Gegenstrategie: Erst klären, welches Ergebnis Sie brauchen – Entscheidung, Entwurf, Kundenwirkung –, dann das passende Minimum an Output erzeugen. KI wird zum Hebel, wenn sie Redundanz abbaut (z. B. automatisierte Zusammenfassungen) statt neue Redundanz zu erzeugen.
Messbare Signale für Fake Work erkennen
- Meetingdichte steigt, Entscheidungsquote fällt.
- Viele Statusdokumente, wenige abgeschlossene Aufgaben.
- Präsentationen wachsen, obwohl die Kernzahlen stabil sind.
- Teams berichten über Zeitmangel, aber nicht über bottleneck-freie Fortschritte.
- Sichtbarkeit zählt mehr als Ergebnis – ein Indikator, den die Visier-Daten bestätigen3.
So stoppen Sie Fake Work im Team
- Zweck vor Format: Jede Arbeit beginnt mit der Frage „Welchen konkreten Wert erzeugen wir – für wen – bis wann?“
- Entscheidungsrituale: Treffen Sie klare, dokumentierte Entscheidungen mit Eigentümern und Deadlines – und beenden Sie Meetings ohne Entscheider.
- Meeting-Standards: Halten Sie Einladungen schlank, Agenda verbindlich, 25/50-Minuten-Slots, Ergebnisprotokoll in drei Bulletpoints.
- Reporting light: One-Pager statt Folienschlachten. Wenn das Management nur zwei Seiten liest, liefern Sie zwei Seiten.
- Outcome-Metriken: Bewerten Sie Fortschritt an Kundennutzen, Umsatz, Qualität oder Zeit-zu-Ergebnis – nicht an Outputmenge.
- Vertrauensregeln: Weniger Kontrollen, mehr Verantwortung. Sichtbarkeit ist kein Ziel, Wirkung schon.
- KI bewusst einsetzen: Automatisieren Sie Zusammenfassungen, Datenaufbereitung und Standardantworten – aber eliminieren Sie doppelte Dokumentation.
Fake Work vermeiden: Ihr 30-Tage-Plan
- Woche 1: Inventur. Listen Sie alle wiederkehrenden Meetings und Reports. Markieren Sie No-Value-Formate.
- Woche 2: Kürzen. Streichen oder halbieren Sie 30 Prozent der Zeitfresser. Ersetzen Sie Weekly-Status durch asynchrone Updates.
- Woche 3: Standards. Führen Sie One-Pager, klare Entscheidungsregeln und Outcome-KPIs ein.
- Woche 4: KI-Pilot. Nutzen Sie KI für Zusammenfassungen, Recherchen und Erstentwürfe – und löschen Sie Doppelarbeit konsequent.
Wenn Sie die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen im Blick behalten wollen, lohnt sich der Blick auf die strukturellen Trends in der Industrie. Ein Überblick mit Fakten und Einordnung findet sich hier: De-Industrialisierung: Aktuelles Lagebild 2026.
Auch der Arbeitsmarkt sendet Warnsignale. Warum die Zahl der Jobsuchenden steigt und was das für Beschäftigungssicherheit bedeutet, lesen Sie hier: Arbeitslosenzahl steigt auf knapp 3 Millionen – Licht aus in Deutschland?.
Führung als Hebel gegen Fake Work
Führung in Zeiten der Krise Praxistipps
Führungskräfte prägen die Spielregeln. Wer ständig Updates fordert, bekommt Showarbeit. Wer klare Ziele, schlanke Formate und Vertrauen gibt, bekommt Ergebnisse. Vereinbaren Sie Output-Standards (z. B. maximal zwei Seiten Entscheidungsvorlage), belohnen Sie das Streichen überflüssiger Aufgaben und machen Sie Wirkung sichtbar. Das Signal muss lauten: Weniger Theater, mehr Substanz.
Unternehmen, die jetzt konsequent entrümpeln, gewinnen doppelt: Sie heben ungenutzte Produktivitätsreserven und senden ein kulturelles Versprechen – wir arbeiten an dem, was zählt.
Fake Work beenden, echte Wirkung freilegen
Fake Work ist kein Randphänomen, sondern ein massiver Produktivitätskiller. Studien deuten darauf hin, dass ein großer Teil der Arbeitszeit ohne Wertschöpfung vergeht12. Der Ausweg beginnt mit Vertrauen, klaren Zielen und der Bereitschaft, liebgewonnene Routinen abzuschaffen. Wer jetzt konsequent auf Ergebnis statt auf Sichtbarkeit setzt, macht sein Unternehmen widerstandsfähiger – und entdeckt, wo die nächste echte Wachstumschance liegt, während andernorts die nächste 80-Seiten-Präsentation entsteht.
Trotz einzelner Konjunktursignale bleibt die Dynamik am Jobmarkt gedämpft. Was das für Unternehmen und Bewerber heißt, zeigt unsere Analyse: Arbeitsmarkt bremst trotz Konjunktursignalen.





