„Eine Stunde mehr Arbeit in der Woche ist wirklich nicht zu viel verlangt.“ Mit diesem Satz hat Bayerns Ministerpräsident Markus Söder die Debatte erneut angeheizt, ob die Deutschen insgesamt zu wenig arbeiten.
In der ARD-Sendung „Bericht aus Berlin“ argumentierte der CSU-Chef, eine zusätzliche Arbeitsstunde pro Woche würde „enorm viel“ Wirtschaftswachstum bringen. Zudem unterstützte Söder die Forderung von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), die telefonische Krankschreibung abzuschaffen und brachte einen Karenztag ins Spiel – also einen unbezahlten ersten Krankheitstag für Arbeitnehmer.¹
Die Diskussion klingt auf den ersten Blick simpel: Wer mehr arbeitet, schafft mehr Leistung. Doch sobald man die Fakten betrachtet, wird klar: Die Frage „Arbeiten wir zu wenig?“ lässt sich nicht mit einem politischen Einzeiler beantworten. Es geht um Produktivität, Demografie, Belastung – und um die Frage, ob zusätzliche Arbeitszeit tatsächlich zu mehr Wohlstand führt oder am Ende vor allem den Druck auf Beschäftigte erhöht.
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Arbeiten wir zu wenig: Was Söder konkret fordert
Söders Aussagen drehen sich im Kern um zwei Punkte: Erstens mehr Arbeitszeit, zweitens strengere Regeln bei Krankschreibungen. Besonders provozierend war sein Verweis auf angeblich auffällige Krankheitsmuster rund um Brückentage. Solche Pauschalvermutungen treffen viele Arbeitnehmer, die tatsächlich krank sind – und sie lenken vom eigentlichen Problem ab: Deutschland kämpft mit einem strukturellen Arbeitskräfteengpass, während gleichzeitig Bürokratie und Abgabenlast produktive Arbeit ausbremsen.
Der Karenztag wäre dabei ein harter Eingriff. Für Arbeitnehmer hieße das: Am ersten Krankheitstag fällt der Lohn weg. Befürworter versprechen sich weniger Missbrauch. Kritiker warnen, dass Beschäftigte krank zur Arbeit gehen – was Ansteckungen, längere Krankheitsverläufe und am Ende höhere Ausfälle verursachen kann.
Der Blick auf die Zahlen: Lebensarbeitszeit statt Wochenstunden
Wer ehrlich beantworten will, ob wir zu wenig arbeiten, sollte weniger über eine zusätzliche Stunde pro Woche sprechen – und mehr über die Lebensarbeitszeit. Studien und Auswertungen auf Basis von Eurostat-Daten zeigen: Deutschland liegt bei der erwarteten Lebensarbeitszeit im europäischen Vergleich keineswegs am Ende, sondern eher im oberen Bereich. In einer Auswertung wird für Deutschland ein Wert von rund 39 Jahren genannt, während Rumänien bei gut 31 Jahren liegt.² Auch ein europäischer Überblick verweist auf deutliche Unterschiede bei der „expected working life“ innerhalb der EU und nennt für Rumänien Werte um die niedrigen 30 Jahre.³
Damit bekommt die Frage „Arbeiten wir zu wenig?“ eine andere Dimension: Wenn Deutschland bereits über viele Jahrzehnte hinweg Arbeitsleistung erbringt, ist die zentrale Stellschraube nicht zwingend „mehr Stunden“, sondern „bessere Bedingungen“ – also mehr Produktivität, niedrigere Steuern und somit mehr Anreize, zusätzliche Arbeit auch tatsächlich aufzunehmen.
Warum sich viele Beschäftigte unter Druck fühlen
In der politischen Debatte fehlt häufig die Perspektive der arbeitenden Bevölkerung: Viele Beschäftigte erleben seit Jahren steigenden Druck, weil Personal fehlt, Aufgaben wachsen und die private Belastung (Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen) zunimmt. Gleichzeitig bleibt vom Bruttoeinkommen durch Steuern und Abgaben oft deutlich weniger übrig, als viele erwarten. Das macht die Forderung nach „noch mehr Arbeit“ kommunikativ schwierig – besonders, wenn sie mit Misstrauen gegenüber Krankmeldungen kombiniert wird.
Hinzu kommt: Der Sozialstaat ist zu teuer. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales beziffert die Summe der sozialen Leistungen im Jahr 2024 nach vorläufigen Ergebnissen auf rund 1.345 Milliarden Euro (Quelle). Gleichzeitig wird in Medienberichten unter Bezug auf eine IW-Auswertung beschrieben, dass in Deutschland rund 41 Prozent der staatlichen Ausgaben in die soziale Sicherung fließen (Quelle). Das passt nicht zusammen. Wenn es zu viel Arbeit gibt, dann müsste der Sozialetat erheblich niedriger sein.
Diese Größenordnungen erklären, warum Politiker das Thema Arbeitsvolumen immer wieder ansprechen. Aber sie beantworten nicht die Kernfrage: Welche Maßnahmen führen wirklich zu mehr Wachstum – und welche verschieben nur die Lasten auf Arbeitnehmer?
Mehr Arbeitsstunden oder mehr Produktivität?
Für die Wirtschaft ist nicht nur entscheidend, wie viele Stunden gearbeitet werden, sondern was in diesen Stunden entsteht. In vielen Branchen liegt das Problem weniger in mangelnder Arbeitsbereitschaft als in ineffizienten Strukturen: zu viel Dokumentationspflicht, lange Genehmigungswege, die Bürokratie in Deutschland. Wer hier ansetzt, kann Wachstum fördern, ohne dass Arbeitnehmer pauschal länger arbeiten müssen.
Gerade kleine und mittlere Unternehmen profitieren von Maßnahmen, die Arbeitszeit wirksamer machen: weniger Bürokratie, schnellere Behördenprozesse, bessere digitale Infrastruktur. Solche Hebel erhöhen die Produktivität – und damit auch die Wettbewerbsfähigkeit.
Arbeiten wir zu wenig – oder ist Arbeit zu unattraktiv?
Ein weiterer Punkt wird oft unterschätzt: Viele Menschen wären durchaus bereit, mehr zu arbeiten – wenn es sich lohnt. Wer zusätzliche Stunden arbeitet, aber durch Abgaben, Wegfall von Transferleistungen oder hohe Betreuungskosten kaum mehr Netto hat, reduziert eher seine Motivation. Die Debatte „Arbeiten wir zu wenig?“ sollte daher auch die Frage einschließen, ob Leistung in Deutschland ausreichend belohnt wird.
Wer das Thema Einkommen und Einordnung besser verstehen möchte, findet hier eine hilfreiche Orientierung: Ab wann gilt man als reich?
Arbeiten wir zu wenig?
Die Faktenlage spricht gegen pauschale Vorwürfe. Deutschland liegt bei der Lebensarbeitszeit im europäischen Vergleich nicht auffällig niedrig, gleichzeitig sind die Sozialausgaben hoch und die demografischen Herausforderungen real. Eine zusätzliche Stunde pro Woche kann kurzfristig mehr Arbeitsvolumen schaffen, löst aber nicht die strukturellen Probleme. Entscheidend sind Produktivität, Anreize und Rahmenbedingungen – und eine Debatte, die Arbeitnehmer nicht unter Generalverdacht stellt.
Arbeiten wir zu wenig im Vergleich zu anderen EU-Ländern?
Was ist ein Karenztag und was würde er bedeuten?
Bringt eine Stunde mehr Arbeit pro Woche automatisch mehr Wachstum?
Warum ist das Sozialbudget in der Debatte wichtig?
Welche Alternativen sind wirksamer als pauschale Mehrarbeit?
Nebenjob von zu Hause: Wenn Arbeit allein nicht mehr reicht
Schon heute haben viele Menschen in Deutschland einen Nebenjob von zu Hause. Der Grund ist oft simpel: Vom regulären Einkommen bleibt am Monatsende zu wenig übrig. Steigende Lebenshaltungskosten, hohe Abgaben und Inflation sorgen dafür, dass selbst Vollzeitbeschäftigte nach zusätzlichen Einnahmequellen suchen müssen. Besonders beliebt sind flexible Tätigkeiten, die sich abends oder am Wochenende erledigen lassen – ohne Pendelzeiten und mit überschaubarem Aufwand.
Ein Überblick über seriöse und praxiserprobte Möglichkeiten findet sich im Artikel Arbeiten von zu Hause – die besten Jobs. Dort werden verschiedene Nebenjobs vorgestellt, die sich realistisch mit einem Hauptberuf kombinieren lassen. Die wachsende Zahl solcher Nebenbeschäftigungen zeigt deutlich: Die Debatte „Arbeiten wir zu wenig?“ blendet oft aus, dass viele Menschen längst mehr arbeiten müssen, um ihren Lebensstandard zu halten.